Lebensschutz für alle

Lebensschutz in Rheinland-Pfalz

Palliativmedizin statt Sterbe- und Suizidbeihilfe

Dr. Wolfgang Schwarz

Interview mit Dr. Wolfgang Schwarz zu Palliativmedizin und Sterbehilfe

Häufig hört man die Forderung, auch in Deutschland die aktive Sterbehilfe zu erlauben. Meist wird als Begründung das Recht des Menschen auf einen selbst bestimmten Tod und die Erlösung von einem leidvollen Sterben angeführt. Die Möglichkeiten der Palliativmedizin und der hospizlichen Betreuung bleiben bei dieser Diskussion meist unbeachtet. Stefan Grieser-Schmitz hat sich daher über dieses Thema mit Herrn Dr. Wolfgang Schwarz, einem praktizierenden Palliativmediziner am Marianus Zentrum für Schwerkranke in Bardowick, unterhalten. Herr Schwarz beschäftigt sich seit circa 15 Jahren schwerpunktmäßig mit der Palliativmedizin und gibt sein Wissen seit 2001 auch als Referent im Rahmen der ärztlichen und pflegerischen Fortbildung weiter.

Was ist eigentlich die Palliativmedizin und was sind Hospize?

Dr. Schwarz: Palliativmedizin zu definieren und sich kurz zu fassen, ist eine echte Herausforderung. Die Definitionen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und der WHO bleiben letztlich unbefriedigend, weil sie zwar die verschiedenen Facetten abbilden, aber das verbindende Element nicht darstellen: Schmerztherapie, Symptomkontrolle, Abdecken sozialer und psychischer Bedürfnisse, Angehörigenbetreuung. Das tun andere Fachrichtungen auch.

Palliativmedizin zeichnet sich durch eine bestimmte Haltung aus. Palliativmediziner handeln aus einer Haltung heraus, die sie zu hoher Achtung dem leidenden, sterbenden Menschen gegenüber veranlasst. Sie akzeptieren die Finalität als Conditio humana und sehen ärztliche Aufgabe nicht nur in Heilung, sondern auch in Linderung, Begleitung, Tröstung. Sie haben stets den Patienten mit seinem sozialen Netz im Fokus und handeln aus einer Medizinethik heraus, die sich durch verantwortungsbewussten Umgang mit den Möglichkeiten der Medizin - und das beinhaltet auch Unterlassung- auszeichnet.

Der Tod als das normale Ende menschlichen Lebens wird akzeptiert. Er soll nicht um den Preis einer Leidensverstärkung hinausgeschoben werden. Er wird jedoch auch nicht beschleunigt. Der Schwerpunkt ärztlichen Handelns und Denkens liegt nicht mehr auf dem Zeitpunkt des Todes, sondern auf der Lebensqualität. Der Palliativmediziner fragt nicht: „Wann stirbt mein Patient?“ Sondern er fragt täglich immer wieder aus Neue: „Wie lebt mein Patient?“ Insofern ist die Behauptung, Palliativmediziner würden Sterbende behandeln, definitiv nicht richtig. Sie behandeln Lebende, die bald sterben werden. Das setzt den Schwerpunkt richtiger. Palliativmediziner sind sich der begrenzten Lebenszeit ihrer Patienten stets bewusst. Ihre Aufgabe besteht darin, die letzte Lebenszeit so zu gestalten, dass der Patient die Möglichkeit hat, das Leben noch einmal in allen seinen Facetten zu genießen und zu feiern. Nur so kann er auf seine jeweils eigene, individuelle Art und Weise Abschied nehmen und seinen jeweils eigenen Tod sterben. So betrachtet will Palliativmedizin am Ende des Lebens das leisten, was Hebammen und Geburtshelfer an seinem Beginn leisten.

Palliativmedizin ist kein neues Fach. Sie ist integriert in jede ärztliche Tätigkeit und integraler Bestandteil ärztlichen Handelns. Sie tritt immer mehr in den Vordergrund, je näher der unheilbar erkrankte Patient dem Lebensende kommt. Palliativmediziner müssen dieser Situation und den Bedürfnissen des Patienten gewachsen sein. Sie müssen besondere Fähigkeiten in der Kommunikation haben, ethisch vertretbare Entscheidungen fällen, das soziale Netz der Patienten so stützen können, dass die Angehörige dieses Sterben aushalten und begleiten können.

Am Ende eines Lebens brauchen manche Menschen bestimmte Orte. Jeder möchte zuhause sein Leben beenden und das ist auch im Normalfall der richtige Ort. Dort, wo man gelebt hat, funktionieren alle Kommunikationsstrukturen, fühlt man sich sicher und aufgehoben. An diesen Ort muss Palliativbetreuung gebracht werden und dort ermöglicht werden. Den ersten wesentlichen Schritt hat unsere Regierung 2007 getan, als der Anspruch des Versicherten auf eine Palliativbetreuung durch speziell ausgebildete Ärzte und Pflegekräfte gesetzlich verankert wurde. Mittlerweile haben wir Netzstrukturen in ganz Deutschland, die für die schweren Fälle Palliativbetreuung zuhause ermöglichen. Das war ein sehr wichtiger und erfolgreicher Schritt. Da wurde eine neue Versorgungsebene in unser Sozialsystem eingezogen.

Aber es gibt eine kleine Gruppe von Patienten, die untere derartig schwierigen Symptomen und Zuständen leiden, dass sie nur in Spezialeinrichtungen versorgt werden können: den stationären Hospizen. Sie sind gedacht für Menschen, die unter besonderen Situationen leiden. Aber das meint nicht nur die körperliche, sondern natürlich auch die psychische und soziale Seite. Besondere Bedürfnisse psychologischer Sterbebegleitung, besondere Bedürfnisse intensiver Angehörigenbetreuung begründen Hospizunterbringung genauso wie sehr schwierige körperliche Zustände. Für viele Menschen ist es gerade wichtig, in dieser Endphase des Lebens nicht den Angehörigen zur Last zu fallen.

Leider hat man m.E. 1997 bei der Konzipierung des ersten Gesetzes zur Hospizfinanzierung einen Denkfehler begangen: Ärzte wurden nicht vorgesehen. Es ist geradezu absurd, aber in der Tat wurde ärztliche Tätigkeit in deutschen Hospizen nicht anders finanziert, als hausärztliche Betreuung. Somit konnte weder der hohe Zeitaufwand noch eine genügende palliative Kompetenz abgebildet werden. Und somit wurden Hospize in Deutschland zu Sterbehäusern. Absurd. „Da gehe ich doch nicht freiwillig hin! Da will ich erst hin, wenn ich nichts mehr mitbekomme und im finalen Koma bin. Und bevor wieder ein zeitlich und gar auch fachlich überforderter Hausarzt kommt, will ich lieber in der Badewanne im Bad eines Krankenhauses liegen, aber nachts um drei Uhr kompetente Schmerztherapie erhalten können!“ So argumentierte wohl die Bevölkerung viele Jahre lang. Heute ist das durch die neue Finanzierung endlich etwas besser geworden. Der Mensch am Lebensende braucht die Sicherheit einer kompetenten Palliativmedizin und Palliativpflege durch ausgebildete Ärzte und Pflegekräfte. Er braucht einen Ort, der ihm alles bietet, was er in seiner jeweiligen Individualität für seinen eigenen Sterbeprozess braucht. Der eine nur seine Ruhe, der andere eine Hand, die ihn berührt. Der eine Aromatherapie und Geschichten vom Kleinen Prinzen, der andere die Krankensalbung und einen Priester. Der eine Menschen um sich herum, der andere die Ruhe und die Stille. Stationäre Hospize sind also besondere Orte für besondere Menschen am Lebensende. Sie leisten eine besondere Arbeit. Aber sie sind keine Sterbehäuser, in die man sich zum Sterben begibt, sondern Häuser, in denen man das letzte Stück des Weges lebt.

Wie sind Sie zur Palliativmedizin gekommen?

Dr. Schwarz: Nach dem Staatsexamen habe ich mich vorwiegend zunächst mit Chirurgie und dann Innere Medizin beschäftigt. 1983 ließ ich mich als Hausarzt am Stadtrand von Lüneburg nieder. Mitte der 90iger Jahre hatte ich dann mein persönliches Burn-out. Ich habe immer daran geglaubt, dass ein Arzt nur ein guter Arzt sein kann, wenn er seine Patienten ein klein wenig liebt und sie ihm nicht gleichgültig sind. Ich stellte fest, dass es nur noch eine Gruppe gab, die ich lieben konnte: die unheilbar Kranken. Alle anderen saugten mich mit ihren Wünschen und Ansprüchen aus. Ich hatte keine Zeit mehr für sie, weil ich in Bürokratie, Budgetfragen, und der ganzen Verwaltung einer großen Praxis versank, zwischen den Mühlsteinen eines absurden Systems und dem Anspruch gute Medizin zu machen zerbröselt wurde. Aber die unheilbar Kranken am Ende ihres Lebens berührten noch mein Herz. Und so bildete ich mich fort, lernte durch Erfahrung, beteiligte mich an der gerade neu entstehenden Richtung der Palliativmedizin und legte immer mehr meinen Schwerpunkt auf diesen Bereich. 1998 baute ich ein Palliativzentrum, um jetzt auch stationär arbeiten zu können. Mittlerweile ist aus St. Marianus ein großes Zentrum mit Netzwerk und Fortbildungsakademie etc. geworden. Und ich habe den Bereich in der Medizin gefunden, der zu mir passt, in dem ich gute Arbeit machen kann und der mich beruflich befriedigt.

Warum sind Sie ein Gegner der aktiven Sterbehilfe?

Dr. Schwarz: Ich glaube nicht, dass die Freigabe der Tötung auf Verlangen, denn das meint ja aktive Sterbehilfe, unsere Welt besser machen würde. In dem Moment, in dem Leben verfügbar wird, fallen wir zurück in die Barbarei. Ich meine damit, dass wir alle schlechter leben würden. Der absolut neue und sensationelle Gedanke des Christentums ist ja gewesen, dass es dem Menschen einen absoluten Wert gegeben hat. Dadurch und mit einem Schlage veränderte sich die Welt: das Zusammenleben der Menschen wurde ein völlig anderes als vorher. Die große Diskrepanz in den Werten, im Handeln und Denken zu anderen, nicht christlichen Kulturen kennen wir alle: Man kann einem Chinesen kaum erklären, was verwerflich daran sein sollte, Häftlingen eine Niere zu entfernen, wenn Spenderorgane fehlen würden.

Aber gehen wir rational vor:

Der erste Problemkreis dreht sich um den Patienten: Will er wirklich sterben? Wenn ein Mensch sagt, er will sterben, sagt er in Wirklichkeit: Ich kann so nicht mehr leben. Und hier gilt es zu Handeln. Es gibt fast immer Umstände dieses Leidens, die verbessert werden können. Das ist Aufgabe des Palliativteams. Wenn eine junger Mann sich suizidieren will, weil er Liebeskummer hat, wird alles in Bewegung gesetzt, um ihn zu retten: der Polizeipsychologe redet ihn von der Brücke, er bekommt Therapie und alles Mögliche. Aber wenn ein alter Mensch, der an Krebs leidet, sagt, dass er nicht mehr leben könne, verstehen das alle sofort und wollen ihm am liebsten sofort beim Selbstmord helfen. Dabei kann er unter den jetzigen Umständen nicht mehr leben, unter anderen sehr wohl. Macht sich jemand Gedanken darüber, ob in Pflegeeinrichtungen für alle Internetzugang besteht? Ob Gelähmte diese Möglichkeit der Weltschau haben? Nein, alle sagen immer nur: „so wollte ich auch nicht leben. Wir müssen die aktive Euthanasie erlauben.“

Und da tut sich der zweite Problemkreis auf: Wir Menschen haben Angst vor dem Ende unseres Lebens. Die ganz normale kreatürliche Angst beherrscht uns, wenn wir über das Sterben nachdenken. Der höchste Wert unserer Zeit ist die Freiheit, das Selbstbestimmungsrecht. Wir können nicht zulassen, dass die Angst vor dem Ende uns beherrscht. Sie kann aber kanalisiert werden durch die vermeintliche Selbstbestimmung. Wir Menschen wären doch so gerne Regisseure unserer Selbst, möchten unser Leben vollkommen bestimmen. Das gibt uns heute mehr Sicherheit als der Glaube an ein transzendentes Wesen. Bis zuletzt alle Fäden in der Hand halten. Bis zuletzt entscheiden können, wann das Leben endet und wie. Das kanalisiert die Angst vor dem Ende. Aber haben nicht alle Menschen im Laufe der Lebens hundert- und tausendfach erlebt, dass nicht alles in unserer Hand steht? Sind unsere Leben denn alle so gelaufen, wie wir wollten? Sind sich nicht vielmehr beeinflusst durch viele, viele Faktoren, die wir nicht beeinflussen konnten? Manche nennen es Zufall, andere Gottes Fügung. Sich jedoch hinzugeben, zu ergeben in ein Schicksal entspricht nicht mehr unserem Zeitgeist. Das letzte Ereignis unseres Lebens muss auch unter unsere Kontrolle gebracht werden.

Der dritte Problemkreis fragt nach der Fähigkeit zur Selbstbestimmung: Trifft der Mensch Entscheidungen wirklich rational? Auch wenn er alle Informationen hat, verarbeitet er sie der jeweiligen Situation entsprechend, seiner jeweiligen Gefühlslage entsprechend. Ist seine Entscheidung also wirklich die eines autonomen Lebewesens? Oder ist es eine situationsbedingte Entscheidung, womöglich Ausdruck einer Depression, oder hervorgerufen durch falsche Vorstellungen und Informationen? Selbst bei Kleinigkeiten können wir uns nach einigen Wochen oder Monaten nicht mehr vorstellen, wie wir so haben entscheiden können und nicht anders. Und so einem Gehirn soll die Entscheidung über Leben und Tod zugetraut werden?

Der vierte Problemkreis tut sich auf, wenn wir darüber nachdenken, wie sich dieses Land ändern würde, würde die aktive Tötung erlaubt. Wir kämen auf eine schiefe Ebene. Es ist immer am leichtesten und am billigsten, Alte und Schwerkranke zu töten. Sie werden es sich irgendwann aus lauter Angst oder aufgrund des Drucks der belasteten Angehörigen wünschen. Es würde unendlich viel Ressourcen sparen, Wachkomapatienten, Demente und geistig Behinderte zu töten, als lebenslang zu versorgen. Nun kann man sagen, dass wir doch nur entsprechende Gesetze mit Kontrollmechanismen bräuchten. Leider glaube ich nicht daran, dass eine derartige Gesetzgebung wirklich einen Missbrauch auf Dauer verhindern würde.

Alles zusammengenommen kann es eigentlich nur ein Argument geben, aktive Sterbehilfe freizugeben: wenn wir den Leidenden keine andere Hilfe geben könnten, wenn die Tötung wirklich die einzige Möglichkeit wäre, unerträgliche Leiden zu beenden. Aber genau das trifft nicht zu, da die Palliativmedizin immer eine Antwort weiß. Und im Extremfall sedieren kann.

Wäre für Sie denn die Beihilfe zur Selbsttötung ein gangbarer Weg?

Dr. Schwarz: Die Frage ist nicht, wer tötet, sondern ob menschliches Leben generell verfügbar gemacht werden sollte. Beihilfe zum Suizid unterscheidet sich doch kaum von Tötung auf Verlangen. Und dass Tötung ohne Zustimmung des Opfers nicht diskutiert werden muss, ist ja wohl eindeutig. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Verfügbarkeit des eigenen Lebens immer auch die Freigabe zur Tötung beinhalten muss. Wenn für mich als Menschen ein Recht als das selbstbestimmte Lebensende verbrieft wird, kann ich auch die Hilfe meiner Mitbürger einklagen, um dieses Recht auszuüben. Es kann ja nicht sein, dass ein Gelähmter, der Hilfe beim Suizid bräuchte, dieses Recht nicht mehr ausüben könnte. Die Freigabe der aktiven Tötung stellt immer einen Dammbruch dar.

Wenn die Palliativmedizin nicht mehr helfen kann, wäre denn dann die Sterbehilfe oder zumindest die Suizidassistenz eine humane Option?

Dr. Schwarz: Kann man grundsätzlich Tötung als human bezeichnen?

Vor Jahren haben wir noch gesagt, die Palliativmedizin sei die Antwort auf die Forderung nach Freigabe aktiver Euthanasie. Heute wissen wir, dass das so nicht stimmt. Es wird immer eine kleine Gruppe von Patienten geben, denen wir nicht so helfen können, dass sie zu uns sagen: „So kann ich es aushalten.“ Diesen Patienten können wir helfen, indem wir versuchen sie bei der Akzeptanz ihres Schicksals zu unterstützen. Aber kann man das denn? Kann ich von einer 38-jährigen Mutter zweier kleiner Kinder erwarten, dass sie ihren Tod an einem Magenkarzinoms akzeptiert? Nein, da kann ich nur still daneben sitzen, sie nicht alleine lassen und unter Umständen auch einmal mit ihr weinen.

Wenn es aber um die körperliche Seite geht, können wir immer etwas tun. Im Extremfall - und selten genug- haben wir die Möglichkeit der terminalen Sedierung. Wir können den Patienten mit seinem Einverständnis schlafen legen, wenn wir trotz Ausnutzung aller Möglichkeiten seinen Zustand nicht soweit lindern konnten, dass er mit ihm leben kann. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Es läuft doch nie so, wie wir es gerne hätten. Und auch am Ende wird dieses Leben mit uns machen, was denn unser Schicksal ist. Der eine wird dement, der andere bekommt einen Herzinfarkt und der dritte stirbt am Krebs. Unser Leben ist Aufgabe. Wir sind hineingeworfen in diese Welt. Mich hat keiner gefragt, ob ich sie denn gerne leben wolle. Wir müssen sehen, wie wir diese Aufgabe erfüllen können. Die Fähigkeiten haben wir erhalten und eigentlich schaffen wir das doch auch ganz gut. Auch das letzte Stück werden wir gut schaffen können - wenn wir uns gegenseitig helfen und nicht alleine lassen. Selbsttötung oder Fremdtötung kann da doch keine Option sein.

Eine Mehrheit in Deutschland wünscht den selbstbestimmten Tod, warum sollte sich die Gesellschaft diesem Wunsch verschließen?

Dr. Schwarz: Weil die Mehrheit von falschen Voraussetzungen ausgeht. Einerseits weiß diese Mehrheit überhaupt nicht, wie es beim Sterben zugeht. Aus verständlicher Angst möchte man durch vorherige Selbstbestimmung das Ende gestalten. Die Erfahrung ist jedoch eine andere: kaum jemand verlangt am Ende - selbst bei katastrophalen körperlichen Defiziten- nach aktiver Tötung, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Es verändern sich die Bedürfnisse mit der sich verändernden Körperlichkeit. Plötzlich reicht ein Minimum an Lebensqualität aus, um weiterleben zu wollen. Zum Glück entwickeln wir uns mit unserer Krankheit.

Andererseits dürfen wir dem Wunsch nach Freigabe nicht nachkommen, wenn wir Missbrauch fürchten. Vielmehr sollte die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben schon in jungen Jahren in der Schule, in der Öffentlichkeit, in den Medien gefördert werden. Es hat noch niemals eine Zeit in der Menschheitsgeschichte gegeben, in der wir so viel für Sterbende tun konnten. Man muss nicht mehr leiden, man muss keine Schmerzen haben, man muss nicht entwürdigt werden, man muss nicht abgeschoben werden. Wenn all das bekannt wäre, würde die Mehrheit vielleicht nicht mehr die Freigabe der aktiven Tötung wünschen, sondern die Gefahren erkennen, die genau darin liegen. Das würde aber nur geschehen, wenn alle Möglichkeiten der Palliativbetreuung überall und für jeden Menschen zur Verfügung stünden. Daran sollte diese Gesellschaft intensiver arbeiten. Ich bin mir sicher, dass später Historiker unsere Zeit daran messen werden, wie wir mit unsren Schwerkranken, alten und Sterbenden umgegangen sind.

Wie gehen Sie mit dem Wunsch ihrer Patienten um, den Tod zu beschleunigen?

Dr. Schwarz: Es kommt vor, dass insbesondere sehr alte Patienten diesen Wunsch trotz guter Symptomkontrolle und Therapie haben. Ich kann mich mit Ihnen darüber wundern, dass der rechte Augenblick noch nicht gekommen ist. Ich kann mit ihnen darüber nachdenken, dass vielleicht dieses Leben ganz zu Ende gelebt werden muss. Ich kann ihnen helfen, die letzte Zeit doch noch so zu gestalten, dass sie ein Gewinn ist. „Es wäre doch gut, wenn ich sterben könnte“ sagte ein jüngerer alleinstehender Patient mit immer wieder blutendem Zungengrundkarzinom. Wir besuchten mit ihm ein Bob Dylan-Konzert. Wir hatten alles dabei und waren darauf vorbereitet, dass es unterwegs oder gar vor Ort zu einer tödlichen Blutung kommen könnte. Es kam nicht dazu. Aber der Patient erzählte die folgenden Wochen allen von diesem tollen Konzert, dachte darüber nach, freute sich und starb drei Wochen später zu der Musik von Bob Dylan. Es geht darum das Leben zu gestalten und nicht, den Tod herbeizuführen.

Wie begegnen Sie Menschen, die bei Abwägung aller Fakten dennoch auf ihrem Todeswunsch bestehen?

Dr. Schwarz: Es geht ja nicht um Fakten, sondern um Erfahrungen. In jedem Falle hätte ich die Chance, Zeit zu gewinnen. In dieser Zeit würde ich dafür sorgen, dass der Patient die Erfahrung macht, dass er mit seiner Krankheit menschenwürdig eine gute Zeit leben kann und es nichts gibt, wovor er sich fürchten muss. Wenn er dann immer noch darauf besteht, jetzt getötet zu werden, werde ich ihm erklären, dass das weder gesetzlich noch nach meiner eigenen Ethik und Spiritualität eine Handlungsoption darstellt. Aber ich würde ihm anbieten, seinen Tag zu verkürzen, ihn mehr schlafen zu lassen, mehr für die innere Entspannung zu tun, damit die verbleibende Zeit nicht zu einer unerträglichen Last würde. Und das klappt meistens.

Wie nehmen Sie den Menschen die Angst, dass ihr Leben sinnlos durch Apparatemedizin oder ärztlichen Ehrgeiz verlängert wird?

Dr. Schwarz: Patienten, die in unserer Einrichtung oder unserem Netzwerk versorgt werden, haben diese Angst nicht, weil sie wissen, wie wir mit den Möglichkeiten der Medizin umgehen. Es wird nur das getan, was sinnvoll ist. In dem Moment, in dem es nicht die Zwänge einer Krankenhaushierarchie gibt, in dem finanzielle Überlegungen keine Rolle spielen, in dem man einfach nur gemeinsam mit den Angehörigen überlegt, was denn jetzt sinnvoll sei und was nicht - in dem Moment sind Entscheidungen meistens viel einfacher und klarer als man vermutet. Da braucht man keine Verfügungen und Papiere. Allen ist fast immer -nach entsprechenden aufklärenden Gesprächen- klar, was jetzt richtig und was falsch sei.

Gerät man jedoch in die Mühle eine kommerzialisierten Gesundheitssystems, welches teilweise bereits seine eigene Ethik zu Markte getragen hat, braucht man Menschen, die auf einen aufpassen, wenn man selbst das nicht mehr kann. Ich halte die Vorsorgevollmacht für beinahe noch wichtiger als die Patientenverfügung.

Wie beurteilen Sie den Vorstoß der Bundesregierung, die kommerzielle Suizidbeihilfe unter Strafe stellen zu wollen?

Dr. Schwarz: Dieser Vorstoß ist halbherzig. Es muss sich doch gefragt werden, warum in Deutschland der Bedarf nach Beihilfe zum Suizid vorhanden ist und warum sich langsam aber sicher ein Suizid-Tourismus in die Schweiz entwickelt. An den bisher bekannt gewordenen Zahlen von Dignitas erkennt man, wo das Problem liegt: ca 60% der Menschen, die sich mithilfe dieser Organisation suizidiert haben, litten nicht unter einer malignen, in kurzer Zeit zum Tode führenden Erkrankung. Sie sind also in den Tod gegangen aus Angst vor Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit oder auch aufgrund einer depressiven Stimmungslage. Es ist klar, dass es hier eine Menge Geld zu verdienen gibt. Genauso, wie mit obskuren Krebstherapien viel Geld mit der Angst der Patienten verdient werden kann, kann mit Beihilfe zum Suizid viel Geld verdient werden. Die Sachkosten belaufen sich auf wenige 100€ und die Sterbewilligen zahlen 3000€ an Dignitas. Dass will der Vorstoß der Regierung in Zukunft verhindern. Wenn gleichzeitig aber die Assistenz bei Angehörigen und Nahstehenden - sofern sie ohne wirtschaftliche Absicht durchgeführt wird - straffrei gestellt wird, ist das inkonsequent. Man assoziiert geradezu: Assistenz zum Suizid ist an sich nicht abzulehnen, man solle nur kein Geld damit verdienen wollen. Aber wer übernimmt denn die Verantwortung für diese Suizidentscheidung? Der depressive, schlecht aufgeklärte, verzweifelte ältere Patient? Oder der Angehörige, der sich selbst gar nicht vorstellen kann, wie man als Alter leben kann, wenn man auf Hilfe angewiesen ist? Oder der Sozialstaat, der das sozialverträgliche Frühableben begrüßt? Zieht sich da nicht die Regierung auf den bequemsten Standpunkt zurück: macht mal, ist schon in Ordnung, solange es aus Mitleid geschieht. Hauptsache nicht kommerziell. Aber über eine Gebührenordnungsziffer für Ärzte können wir später natürlich einmal reden.

Stattdessen müsste man doch das Problem grundsätzlich angehen: Aufklärung, öffentliche Debatte, Beratung. Wer suizidwillig ist, ist deshalb nicht automatisch geisteskrank, sondern befindet sich in einer verzweifelten Situation, in der er Hilfe braucht. Diese Hilfe wird jedoch kaum angeboten. Jedenfalls nicht beim jetzigen Entwurf. Kommerzielle Suizidbeihilfe unter Strafe zu stellen kann man natürlich ansonsten nur begrüßen.

Wie schätzen Sie die momentane palliativmedizinische Versorgung in Deutschland ein?

Dr. Schwarz: Sehr vieles ist besser geworden und bereits erreicht: Palliativmedizin ist in die Approbationsordnung aufgenommen worden und wird in Zukunft im Medizinstudium berücksichtigt. Palliativmedizin wird im stationären Bereich so finanziert, dass sich eine Palliativstation rechnet. Die Finanzierung für stationäre Hospize reicht ganz offensichtlich aus. Und die neue Versorgungsebene der SAPV entwickelt sich gut, wenngleich es hier noch weiße Flecken der Versorgung gibt. Aber es gibt auch eine Menge von Bereichen, in denen wir noch Verbesserungen vornehmen müssen.

Wie kann man die palliative Betreuung weiter verbessern?

Dr. Schwarz: Der Anfang ist gemacht, aber es gibt noch sehr viel zu tun: Es wird heute kaum noch hinterfragt, dass Tumorpatienten eine gute palliative Versorgung brauchen. Aber dass auch alte Menschen mit anderen Krankheiten kurz vor dem Lebensende stehend eine intensive palliative Betreuung benötigen, wird noch nicht wirklich verstanden. Palliativmedizin in die Versorgung der Alten und Dementen hineinzubringen wird sicherlich eine sehr wesentliche Aufgabe der kommenden Jahre ein.

Spezialisierte ambulante Palliativversorgung gibt es bisher nur für die 10% der schweren Fälle. Was ist mit den anderen? Hausärzte können es sich zeitlich und finanziell gar nicht leisten, Sterbende zeitaufwendig zu betreuen. Zurzeit findet ambulante ärztliche Versorgung für eine Flatrate von circa 15€ pro Monat statt. Das ist nicht nur absurd, sondern unverantwortlich. Vor allem aber muss gesetzlich festgelegt werden, dass in jedem stationären Hospiz ein Palliativmediziner täglich anwesend sein muss. Und der muss entsprechend finanziert werden. Im stationären Krankenhausbereich gibt es zu unklare Regelungen über die Qualifikationen des auf Palliativstationen eingesetzten Personals. Da gibt es zum Teil gar keine Spezialkräfte. Die SAPV-Netze brauchen eine bessere finanzielle Ausstattung, insbesondere, wenn es sich um Flächenländer mit langen Fahrtwegen handelt. Viele Netze in Niedersachsen zum Beispiel stehen am Existenzminimum.

Wir brauchen eine bessere und klare Begutachtung zur Hospizbedürftigkeit und SAPV-Bedürftigkeit. Hier darf es keine Beliebigkeit mehr geben. Nach dem Motto: wer am lautesten schreit und das Fernsehen holt, wird alles genehmigt bekommen. Wir brauchen klare Kriterien und Begutachtungsrichtlinien. Oder: die Freigabe für alle.

Welche Wünsche haben Sie an die Politik zur besseren Begleitung Sterbender?

Dr. Schwarz: Ich wünsche mir, dass möglichst viel von dem eben angeführten umgesetzt wird. Vor allem wünsche ich mir aber eine Offenheit im Umgang mit diesen Themen. Da könnten unsere Politiker mit gutem Beispiel vorangehen.

Was bedeuten Leben und Tod für Sie persönlich?

Dr. Schwarz: Ich sehe dieses Leben als Aufgabe an. Das eigentliche Ziel menschlichen Seins liegt nicht in dieser Welt. Sondern irgendwo in jenseitiger Ferne. Irgendwo dort, nach der Überwindung des Todes werden wir das, wozu wir eigentlich erschaffen sind. Und erst dann werden wir alles verstehen. Wir sind auf dem Weg durch dieses Leben, durch die Zeit hin zu diesem Punkt. Dieses Leben anzunehmen, zu gestalten, zu ertragen ist unsere Aufgabe. Ich glaube nicht, dass ich auf der Welt bin, um unter allen Umständen hier und jetzt das große Glück zu finden. Das ist ein Geschenk. Vor allem bin ich hier, um mir Mühe zu geben, dieses Leben zu leben. Und dann den Tod zu erleiden und erleben. Und dann wird es „klick“ machen und ich werde vielleicht endlich alles verstehen. Eines ist ganz klar: es wird noch einmal richtig spannend. Darauf freue ich mich - aber ich möchte es bitte nicht gleich morgen erleben, sondern zur rechten Zeit.

Das Interview wurde von Stefan Grieser-Schmitz geführt.